In Abisko startet der berühmte Kungsleden – ein Fernwanderweg, der durch eine der schönsten Landschaften Europas führt. Die Strecke ist sehr einsteigerfreundlich mit mehreren Hütten ausgestattet und entsprechend gut belaufen. Ich will den Trubel eher vermeiden und laufe eine kleine Runde, größtenteils abseits der Hauptwege des Kungsleden. Die Wanderung war 48,5 Kilometer lang.
Tourbericht
Tag 1 – Erste Etappe (19,3 km)
Es ist der 02. September, und die Sonne strahlt warm auf Nordschweden herab. Ich beginne meine Wanderung am Vormittag und laufe die ersten Kilometer durch niedrige, gelb verfärbte Birkenwäldchen. Immer wieder gibt es schlammige oder sumpfige Passagen, die aber fast immer mit Holzbohlen ausgelegt sind. Neben dem Weg entdecke ich irgendwann, dass der breite Fluss in kleinen Kaskaden herabfließt – ein sehr schöner Anblick, der zum Pausieren einlädt. Beim Weiterlaufen muss ich eine wackelige Metall-Hängebrücke passieren. Hier im Nationalpark scheint es ein dichtes, gut ausgebautes Wegenetz zu geben: Immer wieder passiere ich Abzweigungen oder Kreuzungen, alle paar hundert Meter sind Loipenmarkierungen angebracht. Und ich bemerke auch, dass ich nicht der einzige bin, der auf dieses Stückchen Wildnis aufmerksam geworden ist: Alle fünf Minuten begegne oder überhole ich andere Wanderer.
So laufe ich zufrieden 10 Kilometer in die Wildnis, bis ich an der Abiskojaurestugorna ankomme. Dieser relativ ausgebaute, aus mehreren Unterkünften bestehende Hüttenkomplex liegt direkt an einem See mit wunderschöner Aussicht auf die umliegenden Berge. Doch mir ist das Getummel der vielen Wanderer zu viel, und ich biege vom Kungsleden ab in die Berge. Es geht kurzzeitig sehr steil aufwärts. Bald schon habe ich die Birken hinter mir gelassen und laufe auf grasbewachsenen, von kleinen Rinnsalen durchzogenen Hügeln den Berg weiter hinauf. Irgendwann am Nachmittag erreiche ich fast die Spitze, und da ich diesmal ganz entspannt wandern will und meine Route nicht besonders lang ist, schlage ich mein Zelt auf. Die Aussicht ist phänomenal, der Sonnenuntergang ist ein Traum. Und ich bin hier ganz allein, weit und breit ist niemand mehr zu sehen, während drei Kilometer Luftlinie entfernt eine der belaufensten Wanderstrecken verläuft, die ich bisher gegangen bin.





Tag 2 – Zweite Etappe (14,2 km)
Nachts wird es kalt, da der Wind den Berg hinaufzieht. Ich wache auf und stehe über den Wolken. Nach einem kurzen Frühstück packe ich alles in den Rucksack und laufe ins auf der anderen Bergseite gelegene Tal hinab. Dort reihen sich mehrere Seen aneinander, es sieht komplett friedlich aus. Ich steige auf einem überwachsenen Geröllpfad zur Kårsavaggestugan ab, einer kleinen Hütte auf der anderen Seite des Sees. An einem der Verbindungen zwischen den Seen muss ich queren – etwas herausfordernd, denn das Wasser ist wirklich breit und stellenweise fast knietief. Auf der anderen Seite trocken angekommen wende ich mich nach links und laufe zum Ende des Tals, dorthin, wo ein hoher, schneebedeckter Berg emporragt. Mein Weg führt mich extrem steil bergan in ein hochgelegenes Nebental, in dem vor vielen Jahren sicherlich mal ein Gletscher gelegen hat, und ich erreiche nach anstrengenden 550 Höhenmetern eine völlig andere Welt: Hier gibt es kein Gewächs mehr, hier wechseln sich Schnee und Gestein ab. Zwischendurch schimmern tiefblaue Seen, und wo Eis ins Wasser ragt, wird es hellblau. Ein paar Kilometer weiter entdecke ich in einer Senke erneut drei Seen. Zwischen den beiden bergseitig gelegenen Seen stelle ich mein Zelt auf und richte mich auf eine kalte Nacht ein.
Abends fällt die Temperatur tief ab, denn der Himmel ist wolkenlos. Und das ist mein Glück, denn es zeigen sich Polarlichter. Die gesamte Nacht über flackern immer wieder grüne Streifen über den Himmel, während ich an einem See auf 1200 Meter Höhe in meinem Schlafsack liege und die Stille genieße.





Tag 3 – Dritte Etappe (15,0 km)
Das Zelt hat eine Reifschicht. Ich packe zusammen und laufe bei Sonnenschein und wenigen Grad über Null weiter. Die steinige, teilweise von Schneefeldern und zugefrorenen Bächen unterbrochene Landschaft begleitet mich hier noch eine ganze Weile. Nach der Låktatjåkko fjällstation steige ich wieder ins Tal ab. Das scheint wieder eine beliebte Route zu sein, denn hier begegnen mir mehrere Trailrunner, Mountainbiker und Tageswanderer. Das blanke Gestein der Umgebung weicht flachen, grasbewachsenen Sumpfgebieten. Nun stehe ich auf der dem gewaltigen Torneträsk (See) zugewandten Bergseite und habe auf dem Abstieg eine hervorragende Aussicht auf das Wasser. Weiter hinten kommt hinter den Berggipfeln der Lapporten, das Wahrzeichen Lapplands, in mein Sichtfeld. Wenige Kilometer vor Björkliden erreiche ich wieder bewaldete Landstriche, finde einen Wasserfall und erreiche schließlich den Zeltplatz.
Am Abend laufe ich erneut zwei Kilometer den Berg hinauf, um Polarlichter zu sehen. Die zwei Stunden Wartezeit lohnen sich, denn es entwickelt sich eine fast zweistündige Lichtshow. Ein toller Abschluss einer sehr abwechslungsreichen Wanderung!




Tourinformation für Interessenten
Anfahrt: Um nach Abisko zu gelangen, kann man in Narvik starten und mit dem Zug bis zur Turiststation fahren – alternativ kann man auch mit dem aus Stockholm fahrenden Nachtzug anfahren. Durch Abisko führt zudem die Europastraße E10. Abisko hat auch mehrere Park- und Zeltplätze, sodass man auch nach einer Übernachtung starten kann.
Drohne: Drohnefliegen ist hier teilweise erlaubt. Im Abisko-Nationalpark ist das fliegen nicht gestattet, aber außerhalb gibt es lediglich die üblichen Flughöhenbeschränkungen. Bitte dennoch selber nach den geltenden Regeln und Bestimmungen schauen.
Einsamkeit: Solange man auf dem Kungsleden im Abisko-Nationalpark läuft, ist man nicht alleine. Die Strecke wird oft als Einsteigerstrecke für Fernwanderer beworben und ist entsprechend gut besucht. Sobald man auf die Nebenwege abbiegt, nimmt der Verkehr stark ab und man kann mehrere Stunden laufen, ohne jemanden zu treffen.
Mücken: Die Gegend ist, zumindest im Tal, recht sumpfig und nass. Im Hochsommer gibt es daher viele Mücken. Ab Ende August nimmt die Mückenplage aber wieder stark ab.
Polarkreis: Abisko befindet sich oberhalb (nördlich) des Polarkreises. Hier gibt es spätestens ab September Polarlichter. Manche behaupten, dass die Gegend zu den besten Spots Europas zählt, da es vergleichsweise wenige Wolken gibt. Dafür spricht, dass hier auch eine wissenschaftliche Polarlichtstation existiert (Abisko Naturvetenskapliga Station).
Schwierigkeit: Mittel. Diese Tour ist auch als Einsteiger gut machbar, vor allem die erste Etappe sollte keine Probleme darstellen. Auf der zweiten Etappe gibt es allerdings teilweise extreme Steigungen zu bewältigen, für die sowohl Trittsicherheit als auch Ausdauer erforderlich sind.
Unterkunft: In dem Gebiet befinden sich mehrere teilbewirtschaftete STF-Hütten, in denen man zu bestimmten Zeiten des Jahres übernachten kann. Ansonsten ist es möglich zu zelten. Zu beachten ist, dass im Nationalparkgebiet das Zelten nur in dafür ausgewiesenen Gebieten gestattet ist. Außerhalb gilt das Jedermannsrecht. Sowohl Abisko als auch das Streckenziel Björkliden haben zudem Zeltplätze.
Wasser und Verpflegung: Es fließen überall Rinnsale und Bäche, die teilweise sogar recht breit sind. Mit meiner Faustregel, nur aus fließenden, klaren Gewässern mit zumindest in den nächsten 100m sichtbarem Ursprung zu trinken, bin ich die gesamte Tour ohne Filter gut durchgekommen. Für besorgte Wanderer sind Wasserfilter oder Hygienetabletten aber auch nicht verkehrt. Verpflegung sollte man selber mitbringen (denk daran, auch den Müll wieder mitzunehmen). Notfalls kann man sich für viel Geld auch in der Hütte Verpflegung mitnehmen.
Wegbeschaffenheit: Die Wanderwege sind leider nicht überall gut markiert. Hier ist eine Karte und/oder GPS-System essentiell.
Wetter: Das Gebiet liegt auf einer Hochebene mit relativ geringer Distanz zum Meer. Dementsprechend sollte mit wechselhaftem Wetter gerechnet werden.
Anmerkungen
Die Tour kann natürlich beliebig verlängert werden. Man kann den Kungsleden weitergehen, anstelle in die Berge abzubiegen. Alternativ kann man sich auf dem Nordkalottleden an der norwegischen Grenze in den Süden bewegen. Beide Strecken sind mittlerweile recht gut bekannt und man findet im Internet eine Menge Informationen dazu.
Weitere Berichte
- Dovrefjell – Das Hochland der Moschusochsen (55 Kilometer)
- Beisfjord – Von Seen und Gletschern (53 Kilometer)
- Sulitjelma – Rentiere und weite Ebenen (57 Kilometer)