Beisfjord – Von Gletschern und Seen
Beisfjord – Von Gletschern und Seen

Beisfjord – Von Gletschern und Seen

Kurz oberhalb des Polarkreises liegt der Beisfjord, ein Nebenarm des Herjangsfjords, an dessen Ufer die Stadt Narvik liegt. Wenn man vom Ort Beisfjord (an der Spitze des gleichnamigen Fjords) ins Landesinnere zum Storsteinsfjell aufbricht, eröffnet sich eine sehr schroffe, tief eingeschnittene Landschaft. Hier ist man wirklich verlassen und einsam. Die hohen, schneebedeckten Berge und ausgebreiteten Gletscher unterstreichen den verlassenen Eindruck.

Die vorgestellte Tour habe ich in zweieinhalb Tagen absolviert. Sie ist etwa 53 Kilometer lang, wobei 1800 Höhenmeter zu bewältigen sind. Ein Großteil des Weges verläuft in sehr anspruchsvollem Terrain (Gletscher, Geröllfelder, Sumpf) – ich persönlich hatte unterwegs teilweise ziemlich Angst davor, mich irgendwie schwer zu verletzen. Aber dazu mehr im Bericht.

Tourbericht

Tag 1 – Erste Etappe (18 km)

Der Tag beginnt nicht sehr verheißungsvoll – es regnet, und ich steige mit gemischten Gefühlen in den Bus, der mich nach Beisfjord bringen soll. Dort angekommen laufe ich direkt los. Der Regen hat aufgehört, aber es hängen noch immer dunkle Wolken am Himmel und die Bäume tropfen vor sich hin. . Der Weg führt zunächst durch einige kleine Dorfstraßen, schlängelt sich dann aber zunehmend an einem Fluss entlang in Richtung Berge. Irgendwann wird der Schotterweg zu einem festgetretenen Waldweg, dann zu einem schmalen Trampelpfad, den man aufgrund der flach wachsenden Heidelbeeren nicht mehr erkennen kann. Und dann stehe ich zum ersten Mal im Sumpf. Das Moos um mich herum gibt zwanzig Zentimeter nach, wenn ich darauf trete, sodass meine Wanderschuhe in braunem Wasser versinken. Ich versuche, den weiteren Weg über bewachsene Grashügel zu laufen, was gar nicht so einfach ist. Die Schuhe weichen langsam durch, und ich merke, dass ich nicht auf dem richtigen Weg bin. Der führt zehn Meter neben mir ebenfalls durch den Sumpf, also setze ich meinen Weg einfach fort. Nachdem ich zehn Kilometer gelaufen bin, erreiche ich einen See, an dem einzelne Hütten stehen. Das also ist der letzte Außenposten der Beisfjorder Zivilisation. Rechtsseitig am See ist ein Wasserfall, der parallel zu einigen Hochspannungsmasten verläuft. Ich steige den sehr steilen und anstrengenden Serpentinenweg auf, als die dunklen Wolken wieder zu regnen anfangen. Nach wenigen Minuten bin ich trotz Regenkleidung nass: Von unten durch den sumpfig-rutschigen Boden, von oben durch den Regen, von innen weil ich schwitze. Die nächsten acht Kilometer laufe ich auf einer flachen Hochebene mehr oder weniger im nebenan rauschenden Fluss, überstehe eine Flussquerung ohne hineinzufallen und bin glücklich. Trotzdem: Irgendwann möchte ich gerne einfach zelten. Aber hier ist alles nass. Und wo kein rutschiger Fels ist, ist übermooster Morast. Ich laufe einfach weiter, in der Hoffnung, irgendwo in diesem weiträumigen Geröll-Sumpffeld eine ebene Fläche zu finden, als ich einen einzelnen Felsen entdecke. Erfreulicherweise hat er seitlich eine kleine Kerbe. Und noch erfreulicher ist, dass in diese Kerbe mein Zelt exakt hineinpasst. Der Boden ist zwar leicht geneigt, aber egal, hier ist es trocken. Am unteren Ende des Felsblocks ist ein weiterer kleiner Überhang, unter dem ich mein Abendessen mache. Und danach lege ich mich schlafen. Um mich herum regnet es, nur bei mir nicht, denn ich habe den einzigen Felsen in drei Kilometern gefunden, der mir Schutz bieten kann.

Tag 2 – Zweite Etappe (23 km)

Die Sonne scheint. Ich wache mit einer sehr guten Laune auf und baue mein trockenes Zelt ab. Dann gehe ich weiter und laufe in Richtung des tieftürkis schimmernden Sees Lossivatnet, der von hohen, ungewohnt scharfkantigen und schneebedeckten Bergen eingerahmt wird. Hier lasse ich meine Drohne steigen. Nach der kurzen Flugpause setze ich mich wieder in Bewegung und durchwate direkt einen zwar nicht breiten, aber irgendwie nicht ganz einfachen Fluss. Auf der anderen Seite laufe ich entlang des sumpfigen Einflussdeltas in Richtung der Quelle des Rinnsals – weiter oben im nun beginnenden Tal, dort, wo Steine und Geröll schon längst die Lanschaft dominieren, tröpfeln einige Schnee- und Eisfelder vor sich hin. An ihnen muss ich vorbei, und so beginnt einer der wohl anspruchsvollsten Wegabschnitte meiner bisherigen Wanderungen. Ich laufe über große und kleine, rutschige und griffige, lockere und fest verankerte Steinblöcke, die teilweise von Rinnsalen umschlossen sind und die mein Vorankommen erheblich erschweren. Vom Vortagesregen macht sich die Nässe bemerkbar, und einmal rutsche ich ab und stehe mit meinem gesamten Unterschenkel in einem kalten Gebirgsbach. Hin und wieder muss ich mit den Händen kraxeln, um voranzukommen. Auf der Spitze angekommen, verwandelt sich der Weg zunächst in eine hügelige Landschaft aus lauter Kiesel- und Schotterbergen, danach laufe ich erleichtert auf massivem festen Steinboden. Dieser geht bald über in Schneefelder. Auf ihnen erkenne ich Fußspuren, die ein Wanderer ein oder zwei Tage vorher hinterlassen hat. Wenn die Person, die anscheinend schwerer war als ich, nicht eingebrochen oder weggerutscht ist, komme ich dort auch drüber. Und so laufe ich behutsam auf dem weißen, leicht rutschigen Untergrund in Richtung des weiter unten wartenden Gletschers. Ab und zu weiche ich autogroßen Felsblöcken aus oder klettere über sie drüber, weil ich sonst keinen besseren Weg finde. Zwischen den Blöcken klaffen Lücken – mir kommt der unangenehme Gedanke, dass mich hier möglicherweise keiner mehr finden würde, wenn ich in einer der Lücken falle. Und dann erreiche ich Gletschereis, auf dem ich kaum noch vorankomme. Hier beginne ich, wie ein kleiner Ball nach unten zu rutschen/gehen, wobei ich mich alle paar Meter an dort liegenden Felsblöcken auffange. Auf den schneebedeckten Gletscherparts erkenne ich zwischendurch die Fußspuren meines Vorgängers.

Nach einiger Zeit, die ich hochkonzentriert mit dem verletzungsfreien Gletscherübergang verbracht habe, komme ich an das Ende des Gletschers. Ich bin überwältigt von seiner Farbe und seinen Ausmaßen. Am liebsten würde ich Drohnenaufnahmen von dem teilweise in Wolken hängenden Eiskoloss machen, aber es beginnt zu schneien und dunkle Wolken ziehen von den Bergspitzen herunter. Mein Bauchgefühl drängt mich zum Abstieg. Ich will nicht im Nebel und Schnee einen so unsicheren schotterigen Pfad absteigen. Der Abstieg selbst ist steil, aber machbar. Nur kurze Zeit später befinde ich mich wieder auf grasdominiertem Boden. Ich laufe vorbei an einem Bergsee, der tief in die Bergflanke hinein schneidet, und überquere einen weiteren Fluss. Ein Blick zurück zum Gletscher eröffnet mir einen wolkenfreien, blauen Himmel. Das ist ärgerlich…

Die Berge um mich herum sind weiterhin hoch und spitz, doch mittlerweile ziehen die Wolken wieder zu und ich kann bald keine Spitzen mehr erkennen.
Inzwischen bin ich erschöpft. Der Gletscher hat viel meiner Energie in Anspruch genommen, und vor mir liegen noch einige Kilometer zwar flachen, aber sumpfigen Tals. Ich erreiche nach 12 Stunden die Hundalshytta. Der Himmel färbt die tiefhängenden Wolken bereits rosa und orange, und ich darf in einer Hütte mit zwei Deutschen übernachten. Am Ofen kann ich Kleidung trocknen, auf dem kleinen Herd etwas zu essen kochen. Und ich bin glücklich und vor allem dankbar, den Gletscher so gut bewältigt zu haben.

Tag 3 – Dritte Etappe (12 km)

Der nächste Tag beginnt früh, und noch immer ist das Wetter wolkenverhangen. Heute spüre ich alle Knochen. Ich starte gleichzeitig mit den beiden Deutschen, allerdings in die andere Richtung. Von der Hütte aus führt eine geschotterte Straße nach Katterat. Doch ich bin nicht zum Wandern auf Straßen hier, und so biege ich nach einem Kilometer nach links in die Berge ab und laufe dort, parallel zur Straße über einen ausgetretenen Wanderweg. Immer mal wieder passiere ich kleine Bäche, aus denen ich mir Wasser abfülle, und immer mal wieder öffnet sich der Himmel ein bisschen, wobei ich feststelle, dass die Berge hier richtig spitz sind und ich mich in einer Landschaft befinde, in der man Werbung für Schokolade oder Autos machen könnte. Es ist einfach wunderschön. Kurz vor dem Abstieg nach Katterat lasse ich die Drohne steigen und steuere sie bald versehentlich rückwärts gegen den bewachsenen Hang. Glücklicherweise finde ich sie wieder. Der Abstieg gefällt mir sehr gut. Ich durchwandere kleine, immer dichter werdende Birkenwäldchen und verliere kurz vor dem Ziel den richtigen Weg. Deswegen stolpere und falle ich regelrecht durch den Wald – überall liegen unter dem Moos versteckte glatte und rutschige Baumstämme. Irgendwann schaffe ich es, die 10 Meter Luftlinie bis zum Bahnhof auf eine ungefährliche und humane Art zu umgehen. Es ist kurz vor 12.00 Uhr. Ich habe meine dritte Wanderung überstanden, oder hier passender – überlebt.

Tourinformationen

Falls du jetzt auch Lust hast, diese oder eine ähnliche Wanderung zu unternehmen, habe ich hier möglichst kurz und knapp ein paar Hintergrundinformationen zu meiner Tour zusammengefasst (Begriffe alphabetisch sortiert). Die Tour kann als gpx-Track heruntergeladen werden.

Allgemein: Die Tour ist etwa 53 Kilometer lang, wobei 1740 Höhenmeter zu bewältigen sind. Der Weg führt zunächst durch sumpfiges Gebiet und später über sehr anspruchsvolle Geröllfelder und einen Gletscher.

Beisfjord  GPX

50 100 150 200 5 10 15 Entfernung (km) (m)
Keine Höhendaten
Name: Keine Daten
Entfernung: Keine Daten
Minimalhöhe: Keine Daten
Maximalhöhe: Keine Daten
Höhengewinn: Keine Daten
Höhenverlust: Keine Daten
Dauer: Keine Daten

Anfahrt: Den Ort Beisfjord erreicht man von Narvik aus sehr gut mit dem Bus.
Drohne: Drohnefliegen ist erlaubt. Bitte dennoch selber nach den geltenden Regeln und Bestimmungen schauen.
Einsamkeit: Das Storsteinsfjellet liegt eine Tagestour neben dem schwedischen Fernwanderweg Kungsleden und wird daher oft als Ein- oder Ausstiegsgebiet durchwandert. Insgesamt ist die Gegend aber sehr menschenleer. Ich habe zwei Tage lang niemanden getroffen. In der Hunddalshytta hatte ich Kontakt zu einigen Wanderern. Es gibt hier Rentiere, von denen ich aber leider keins gesehen habe.
Mücken: Aufgrund der vielen großen und kleinen Wasserbecken gibt es erwartungsgemäß auch viele Mücken. Gegen Ende des Sommers verschwinden sie jedoch schnell wieder. So hatte ich zu Beginn des Septembers gar keine Probleme mit den Tieren.
Schwierigkeit: Sehr anspruchsvoll bis herausfordernd (sehr gute Trittsicherheit und sehr gutes Schuhwerk erforderlich!). Vor allem auf dem Gletscher muss man Schuhe mit gutem Profil und am besten Steigeisen anziehen, weil das Eis so fest, aber geneigt ist, dass man ohne die notwendige Gletscherausrüstung wirklich leicht wegrutschen kann.
Unterkunft: Sehr weit verteilt im Storsteinsfjell sind Hütten des norwegischen Wandervereins DNT (beispielsweise die Hunddalshytta). Man kann darin – sofern man den Schlüssel hat – übernachten. Anbei steht auch immer ein kleines Toilettenhäuschen, das man für dringende Geschäfte möglichst nutzen sollte.
Wasser und Verpflegung: Es fließen überall Rinnsale und Bäche. Mit meiner Faustregel, nur aus fließenden, klaren Gewässern mit zumindest in den nächsten 100m sichtbarem Ursprung zu trinken, bin ich die gesamte Tour ohne Filter gut durchgekommen. Für besorgte Wanderer sind Wasserfilter oder Hygienetabletten aber auch nicht verkehrt. Verpflegung sollte man selber mitbringen (denk daran, auch den Müll wieder mitzunehmen).
Wegbeschaffenheit: Die Strecke verläuft ausschließlich auf offiziellen Wanderwegen und ist entsprechend überall markiert. An manchen unübersichtlichen Stellen ist die Markierung jedoch nur schwer bzw. nur mit viel Glück zu finden, weshalb man sich dann auf Karte oder GPS verlassen muss. Zudem ist der Weg selten als solcher zu bezeichnen: Zu Beginn geht es lange Zeit durch sehr sumpfiges Gebiet, auf der Hochebene selbst läuft man teilweise über kilometerlange Geröllfelder.
Wetter: Das Gebiet ist von sehr hohen Bergen umgeben und liegt, wie viele Orte in Norwegen, in direkter Küstennähe. Dementsprechend ist mit wechselhaftem und nassem Wetter zu rechnen.

Anmerkungen

Auf dieser Wanderung war ich alleine und hatte keine Möglichkeit, im Notfall jemanden anzurufen. Besonders bei solchen technisch herausfordernden Strecken ist das schlichtweg dumm (muss ich mir selber eingestehen). Bitte nehmt bei solchen Touren jemanden mit oder stellt sicher, dass im Notfall jemand weiß, wo man suchen muss (z. B. mittels Satelliten- oder GPS-Telefon)!

Die Tour kann man ansonsten beliebig verlängern. Wie oben bereits erwähnt, befinden sich östlich des Gebiets im Abstand von etwa einer weiteren Tageswanderung der Kungsleden und südöstlich der Nordkalottleden. Nach Süden kann man über eher unbekannte Wanderwege tiefer in die Berglandschaft hineinwandern.

Weitere Berichte

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