Im Kanu durch das Rogen-Naturreservat
Im Kanu durch das Rogen-Naturreservat

Im Kanu durch das Rogen-Naturreservat

Seenlandschaften sind wandernd meist sehr schwer zu erschließen. Da bieten sich andere Fortbewegungsmöglichkeiten deutlich besser an – und so entschied ich mich mit drei Freunden, im Naturreservat Rogen mit Kanus herumzufahren und Schweden einmal vom Wasser aus zu erkunden. Das Seengebiet liegt etwa 6 Autostunden nördlich von Göteborg und grenzt an den norwegischen Femundsmarka-Nationalpark. Die Landschaft besticht vor allem durch ihre Diversität (große und kleine Seen, Flachland, das langsam in Berge übergeht) und seine Wildheit. Der Landteil ist überwiegend von kleinen Kiefern bewachsen, die sich zwischen den großen Geröllbrocken und viel Blaubeerbüschen einen Weg ins Licht suchen.

Unsere fünftägige Tour fand Anfang September statt, zu einer Zeit in der die Bäume bereits gelb und das Wetter ungemütlich wird – meiner Meinung nach die beste Jahreszeit, um Skandinavien zu erleben. Wir haben fünf (überwiegend entspannten) Tagen knapp über 30 Kilometer zurückgelegt.

Tourbericht

Nach zwei Tagen Anfahrt versuchen wir spätabends, vermeintlich kurz vor dem Ziel, mit dem Auto bis nach Käringsjön zu kommen, um es dort abzustellen und unsere Kanutour von dort zu starten. Allerdings ist der Zufahrtsweg so dermaßen durchlöchert (“Weg” und “Straße” als Bezeichnung für diese Kraterlandschaft zu verwenden, fühlt sich wahrlich wie ein sehr gut gemeinter Euphemismus an), dass wir nachts umkehren und nach Käringsjövallen zurückfahren. Dort stellen wir das Auto ab, hängen zwei Hängematten auf und übernachten am Parkplatz.

Tag 1 – Start (5 km)

Ich wache gegen 09.00 Uhr auf von Geraschel und Gesprächsgeräuschen und stecke den Kopf aus der Hängematte. Meine drei Mitfahrer sind alle schon wach und räumen fleißig das Auto aus. Ich beeile mich, ihnen zu helfen. Das Gepäck muss vom Parkplatz aus noch ca. 800 Meter zum Ufer geschleppt werden, der Weg besteht aus Holzbohlen und Waldweg mit Schlamm und Steinen. Nach mehrmaligem Hin- und Herlaufen haben wir alles hingeschafft und beginnen, die beiden Faltkanadier zusammenzubauen. Gegen Mittag sind wir fertig und starten unsere Fahrt, nur um sie nach wenigen hundert Metern für die erste Mittagspause wieder zu unterbrechen. Wir sind gut gelaunt: Das Wetter ist sonnig und windstill, die Kanus fahren ruhig und wir sind endlich unterwegs.
Wir fahren weiter, über ein Stück offenes Wasser und um eine kleine Halbinsel herum. Die Luft ist angenehm warm, das Wasser jedoch nicht. Wir versuchen also, immer weniger als 100 Meter vom Ufer entfernt zu bleiben, um im Falle einer Kenterung nicht zu lange im Wasser zu bleiben und gefährlich zu unterkühlen. Es klappt recht gut. Abends erreichen wir unsere erste Sackgasse. Hier müssen wir also die Kanus aus dem Wasser holen und das gesamte Gepäck über eine Landzunge zum nächsten Ufer schleppen. Wir entscheiden uns, das auf den nächsten Tag zu verschieben und hier die erste Nacht zu verbringen. Am Waldrand neben einem baumfreien, weitläufigen Sumpf bauen wir ein Zelt und zwei Hängematten auf und kochen Pfannkuchen mit frisch gesammelten Heidelbeeren. Zwei von uns gehen eine Runde schwimmen und testen die Tiefe des Sumpfes aus (man sinkt tief ein). Am Abend gehen die Sterne auf, und die Nacht wird, vor allem in der Hängematte, sehr frisch.

Tag 2 – Inseln und Seen (4 km)

Ich wache erneut als letzter auf und sehe den Nebel zwischen den Bäumen verschwinden. Nach einem kurzen Frühstück packen wir alles zusammen und beginnen, das gesamte Gepäck den knappen Kilometer durch den Wald zu tragen. Es ist sehr anstrengend, aber wir sind ja noch fit und der Wald ist in den Morgenstunden wie verwunschen. Am Ufer angekommen fahren wir auf einen großen See, der eine ganze Menge (Halb-)Inseln hat und mit jedem Paddelschlag gleichzeitig eine neue Perspektive zeigt und erschreckend eintönig gleich aussieht. Letztlich ist es ja doch immer nur Wasser und hier und da Steine mit Bäumen. Wir machen Mittagspause auf einer Insel, paddeln weiter und landen am frühen Abend auf einer kleinen bohnenförmigen und völlig löchrigen Insel an, die uns in der kommenden Nacht als Schlaffestung dient (damit erfüllt sich ein lang gehegter persönlicher Traum: Auf einer kleinen Insel übernachten!). Ich bin nicht so ganz zufrieden mit der Insel, und so setze ich mit einem der Freunde die Segel (wortwörtlich: Wir versuchen, mit einer Hängematte als Segel vor dem Wind zu fahren und realisieren, dass es nicht klappt. Vielleicht hätten wir Flettner-Rotoren bauen sollen…), um andere Inseln auf ihre Zelttauglichkeit zu untersuchen. Wir kehren erfolglos zurück. Trotz der vielen Löcher ist unsere Insel doch sehr gut geeignet. Ich schlafe wieder in der Hängematte, die drei anderen legen sich ins Zelt. Am Abend gehen wir wieder baden und entspannen. Der windstille Abend bringt Mücken, die uns auf die Nerven gehen, die aber bald von der kalten Nachtluft vertrieben werden. Nachts gegen 1 Uhr wache ich auf und stelle fest, dass am wolkenlosen Himmel Polarlichter zu sehen sind (leider mit bloßem Auge nicht so schön wie auf dem Bild, aber egal: Polarlichter sind Polarlichter).

Tag 3 – Weite Wasser (11 km)

Wir wollen heute weit fahren und starten darum früh. Der See ist spiegelglatt. Wir brauchen wie immer eine Stunde, um zu frühstücken und alles ordentlich zu verstauen und kommen pünktlich um 09.30 Uhr los. Leider müssen wir gar nicht weit paddeln, bevor wir wieder aussteigen und portieren müssen: Vor uns liegt eine mit großen Felsbrocken übersähte Stromschnelle, die wir nicht durchfahren können. Das bedeutet, alles ausräumen und auf Rücken und Schultern werfen, mehrfach hin und her laufen und dann alles wieder in den Kanus verstauen. Wir erreichen einen kleinen See, an dessen Abfluss wir wieder 20 Meter umtragen müssen. Und nach 300 Metern tragen wir wieder für 10 Meter um. Und nach einem halben Kilometer wieder. Dann endlich erreichen wir einen breiten Zulauf zum Rogen, an dem wir nicht mehr umtragen müssen. Und als wir gegen Mittag den Rogen erreichen, müssen wir erst einmal Pause machen und uns daran gewöhnen, dass wir nun nicht alle hundert Meter an Inseln vorbeikommen, sondern auf eine riesige Fläche mit Wasser schauen. Das Ufer ganz in der Ferne liegt schon in Norwegen, doch wir bleiben auf schwedischer Seite und fahren bald am östlichen Ufer entlang nach Norden. Das Wasser ist spiegelglatt, und es fühlt sich an, als führen wir im Himmel. Zwischendurch entdecken wir einen Sandstrand, den wir liebend gerne weiter auskundschaften würden, aber wir müssen ja noch Strecke machen heute und fahren deshalb weiter. Am Nordende des Sees angekommen, suchen wir eine gute Stunde nach einem geeigneten Zeltplatz am Ufer. Es ist gar nicht so leicht, weil sich hier, am Fuße eines der umliegenden Berge, große Geröllbrocken gesammelt haben und kaum eine ebene Fläche zu finden ist. Doch wir finden einen kleinen Platz an einem flachen, geschützten Ufer. Abends versuchen wir zu angeln, haben aber kein Glück und geben auf. Die Nacht wird noch kälter als die Nächte davor. Ich friere in meiner Hängematte, die anderen im Zelt.

Tag 4 – Portagenhölle (9 km)

Anscheinend haben wir alle Schönwettertage des schwedischen Herbsts verbraucht, jedenfalls kündigt der Wetterbericht für die folgenden Tage sehr viel Regen an. Wir wollen also möglichst schnell wieder in Richtung Auto fahren, um notfalls schnell wieder heimfahren zu können. Wir starten also wieder früh und müssen nach wenigen Paddelminuten zu einem höhergelegenen See, der mittels eines Wasserfalls dem Rogen zufließt, portieren. Leider liegen dort zwei Seen nebeneinander, von denen wir nur einen nehmen können, und so müssen wir nach 50 Metern auf dem Wasser direkt wieder umtragen. Nach fast einem Kilometer erneut, diesmal über eine Hügelkuppe. Während sich der Himmel verdunkelt und wir durch ein Geflecht aus Inseln und Halbinselketten fahren, bemerke ich die Anstrengung vom Umtragen immer mehr. Es kommen noch weitere vier Portagen dazu, von denen die letzte unter anderem durch knietiefen Sumpf und dann zwischen Geröllsteinen hindurch führt. Ich kann nicht sagen, ob mich die kurzen, fünf Meter Portagen mehr aufregen oder die langen, bei denen wir unsere Kanus einen Kilometer durch schwedischen Wald hieven müssen – so oder so muss ich drei- bis viermal laufen. Beides nervt. Aber wir werden belohnt mit einigen Rentieren, die in geringer Nähe an uns vorüberziehen. Einige kann ich sogar mit der Drohne fotografieren, unterlasse das aber, als ich merke, dass sie vor dem Geräusch offenbar Angst haben.
Am Abend eines sehr sehr anstrengenden Tages bauen wir im Nieselregen beide Zelte auf und kochen uns eine warme Mahlzeit. Die nasse Kleidung vom Sumpfportieren soll unter dem aufgespannten Tarp trocknen, aber so richtig will das nicht gelingen. Nach diesen gefühlt 100 Portagen schlafe ich sehr tief und gut.

Tag 5 und 6 – Das letzte Stück und ganz viel Plackerei (3 km Kanu und 6 km zu Fuß)

Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute: Das wirklich schlechte Wetter mit heftigem kalten Regen soll noch nicht während des Tages kommen, wie bisher angekündigt. Die schlechte: In der kommenden Nacht und am frühen Morgen des nächsten Tages wird es soweit sein. Wir wollen das Wetter unter keinen Umständen abbekommen. Wir sind gar nicht so weit vom Auto weg, stellen wir erfreut fest, zumindest nicht in Luftlinie. Denn wir realisieren, dass wir, am dem Auto nächsten Punkt, den wir erreichen können (knapp östlich von Käringsjön), noch knapp sechs Kilometer durch den Wald laufen müssen. Das bedeutet: Die letzte Portage ist extrem lang, und aufgrund der unterirdisch schlechten Beschaffenheit des Weges werden wir auch nicht mit dem Auto heranfahren können. Uns bleibt nichts anderes, als alles zu laufen.
Im einsetzenden Regen packen wir das wichtigste Essen, unsere Kleidung und Wertgegenstände in Rucksäcke und tragbare Taschen um und laufen Richtung Auto los. Zelte, manche Kleidung und beide Boote lassen wir im Wald zurück. Das werden wir am nächsten Tag abholen.
Unterwegs treffen wir einen freundlichen Schweden (Rentierhalter der Gegend) mit einem geländegängigen Auto, der uns netterweise zwei der drei Rucksäcke an den Parkplatz in Käringsjövallen fährt, was uns viel Plackerei erspart (also den anderen, ich muss meinen Rucksack noch tragen). Wir steigen ins Auto ein und fahren zu einem Airbnb in der Nähe, wo wir den Starkregen von einem bequemen Wohnzimmer aus verfolgen. Am nächsten Tag fahren drei von uns (einer hat Fiebersymptome entwickelt und kann nicht helfen) wieder in den Wald, um in einem Gewaltmarsch durch den anhaltenden Regen den gesamten Rest abzuholen. Wir finden alles wieder und laufen los. Die “Straße” ist stellenweise so überflutet, dass es fast einfacher wäre, uns in die Boote zu setzen und hindurchzupaddeln. Wir brauchen für die sechs Kilometer fast drei Stunden. Und damit endet unsere wirklich wunderschöne, aber wahnsinnig anstrengende Kanutour, mit einer weiten Wanderung.


Tourinformation für Interessenten

Falls du jetzt auch Lust hast, diese oder eine ähnliche Kanutour im Rogen-Naturreservat zu unternehmen, habe ich hier möglichst kurz und knapp ein paar Hintergrundinformationen zur Tour zusammengefasst (Begriffe alphabetisch sortiert). Die Tour kann als gpx-Track heruntergeladen werden.

An dieser Stelle wird in Kürze der gpx-Track der Tour verfügbar sein.

Anfahrt: Wer bis nach Käringsjön mit dem Auto fahren will, muss knapp 7 Kilometer durch eine absolut zerstörte Straße fahren, die zu allem Überfluss auch noch 5 Euro Passiergebühr kostet (zu zahlen in Käringsjön). Unkompliziert und mit einem nur kurzen Weg zum Ufer kann man am Wanderparkplatz in Käringsjövallen parken und von dort starten (zu beachten ist, dass die Route dann im Optimalfall wieder dort endet).
Alternativ kann man auch von norwegischer Seite mit einer Tour in den Rogen beginnen, allerdings ist zu beachten, dass man in diesem Fall die Seen hochfährt und entsprechend bei Portagen auch noch Höhenmeter zurücklegen muss.
Angeln: Die Seen im Rogengebiet beinhalten sehr diverse Fischarten. Allerdings ist Angeln am Rogen nur mit Genehmigung erlaubt (mehr Informationen hier). Wir haben an zwei Abenden versucht, vom Ufer aus mit einer sehr billigen Angel Fische zu fangen und waren erfolglos. Andere Besucher scheinen aber mehr Glück gehabt zu haben – selbst gefangene Fische werten den Speiseplan natürlich deutlich auf.
Einsamkeit: Anhand der Feuer- und Uferstellen konnten wir deutlich sehen, dass unsere Tour keine völlig unbekannte Strecke abdeckt – es müssen dort immer wieder Menschen unterwegs sein. Auf den kleinen Seen bis zum Rogen ist uns das aber eigentlich kaum aufgefallen, da uns nur sehr vereinzelt Wanderer oder Solo-Kanuten begegnet sind. Am und um den Rogen sah es allerdings schon anders aus, dort war noch recht viel Betrieb (d.h. wir sind am Tag drei bis vier kleinen Gruppen von Menschen begegnet). Es ist darauf hinzuweisen, dass wir uns am Ende der Saison im Reservat aufgehalten haben und unsere Beobachtung daher nicht repräsentativ ist.
Mücken und anderes Getier: Mücken gibt es im Seengebiet, wenig überraschend, im Sommer in großer Zahl. Selbst Anfang bis Mitte September hatten wir noch Abende mit vielen Mücken – entsprechende Sprays sollten also unbedingt dabei sein. Zecken gibt es dagegen kaum.
Tiere: Im Naturreservat gibt es freilaufende, domestizierte Rentiere. Außerdem wandern vereinzelt Moschusochsen durch die Wälder. Von diesen sollte aber ein großer Abstand gehalten werden (200m bis 400m). Außerdem streifen Elche durch die Wälder (ich habe auf der Anfahrt zwei Tiere entdeckt). Bären sollen vereinzelt vorkommen, wie uns der freundliche Rentierhalter erzählte, aber da die Regierung Schwedens ein sehr präzises Monitoringprogramm hat, werden diese Tiere meistens genau beobachtet und stellen keine wirkliche Gefahr für Menschen dar. Wölfe werden im Gegensatz dazu überhaupt nicht geduldet und mit dem Helikopter bejagt. Daher sind die größten und gefährlichsten Tiere in der Gegend Elche.
Unterkunft: Im Naturreservat selbst gibt es kaum Hütten. Die größte dürfte noch eine kleine Unterkunft in Käringsjön sein, ansonsten stehen sehr vereinzelt kleine überdachte Holzunterstände an den Ufern des Rogen. Wer mehrere Tage unterwegs ist, sollte also definitiv ein Zelt mitnehmen. Zelten ist erfreulicherweise erlaubt, es wird jedoch darum gebeten, möglichst in der Nähe der Schutzhütten zu übernachten und (das sollte selbstverständlich sein) keine Spuren zu hinterlassen und pfleglich mit der Natur umzugehen. Es ist sehr zu empfehlen, nachmittags schon frühzeitig nach geeigneten Zeltplätzen Ausschau zu halten – vor allem im nördlichen Teil ist die Suche nach ebenen Plätzen durch die große Dichte an Geröll und Sumpf herausfordernd.
Wasser und Verpflegung: Die Wasserqualität der Seen ist so gut, dass man gefahrlos Wasser aus dem See trinken kann. Wir haben das Wasser teilweise trotzdem vor dem Trinken gefiltert. Vorsicht schadet nie.
Wir haben überwiegend energiedichtes, leichtes Essen mitgenommen, das wir vor Ort mit dem Trangiakocher zubereitet haben. Da wir mit dem Kanu mehr Gewicht transportieren können, ohne dass man es direkt merkt, haben wir uns hier und da etwas mehr Luxus geleistet (zum Beispiel Eier für die Pfannkuchen oder Gemüse für ein Couscous-Gericht mitgenommen).
Wetter: Einer der Schweden, die wir getroffen haben, meinte dass wir in der sonnigsten Woche seit Ende Juni im Naturreservat unterwegs waren (wir waren im September dort). Die Klimatabellen der Region zeigen, dass es, wenig überraschend für eine Seenlandschaft neben einer Bergkette, viel regnet. Da man sich bei einer Kanutour sowieso für Wasser ausrüsten sollte (“prepare for water, not for air”),

Weiterführende Websites

Die folgenden Websites waren für die Planung der Route sehr nützlich und hilfreich.

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