“Weit im Norden Norwegens, dort, wo Rentiere schlafen und schimmernde Seen, gleich blankgeputzten Spiegeln zwischen weitläufigen Bergen, ein Loch zum Himmel öffnen, dort wandert einsam und allein ein Wanderer durch das blühende Schilfmoor.”
So oder ähnlich könnte man wahrscheinlich meine Wanderung zwischen den Ländern beschreiben. Im August 2022, direkt im Anschluss an die Dovrefjellwanderung, lief ich eine etwa 57 Kilometer lange Dreitagestour in der Nähe von Sulitjelma. Die Landschaft dort ist geprägt von großen Seen und weiten, hügeligen Bergen, auf denen teilweise gigantische Gletscher liegen.
Tourbericht
Tag 1 – Startetappe (11 km)
Es ist 17.00 Uhr, als ich im kleinen Örtchen Sulitjelma aus dem Bus steige. Hier unten im Tal sieht die Landschaft irgendwie nicht besonders aus, und insgeheim bin ich etwas enttäuscht von der scheinbar so langweiligen Szenerie. Ich mache mich daher gespannt auf den Weg, wie wohl die neue Tour wird, die ich gestern erst recht kurzfristig auf meiner Wanderapp geplant habe. Beim Aufstieg entdecke ich einen kleinen Wasserfall, und da ich hier Drohne fliegen darf, teste ich sie ausführlich an dem kleinen Rinnsal.
Als ich nach einiger Zeit am Ende des geschotterten Aufstiegs ankomme und in einen kleinen Pfad von der Straße weg abbiege, kann ich bereits erahnen, dass die Landschaft schöner wird als im Tal noch befürchtet. Ich spaziere über eine sehr geschwungene, hügelige Landschaft, vorbei an vielen, vielen kleinen Wasserfällen, bis ich an einen Stausee komme. Hier entdecke ich eine kleine Hütte – die Lomihytta, in der sich, wie ich nach vorsichtigem Klopfen feststelle, bereits jemand befindet. Während wir uns hervorragend unterhalten, lasse ich meine Drohne fliegen und nehme ein paar Sonnenuntergangsfotos von der Hütte auf. Dann laufe ich noch ein Stück entlang des Sees (muss dabei eine beängstigend verrostete und schiefe, aber erstaunlicherweise sehr stabile Brücke überwinden) und stelle gegen 22.00 Uhr mein Zelt auf einer grasigen Felsterrasse am Seeufer auf. Die Wanderung war zwar kurz, aber immerhin bin ich jetzt bereits 11 Kilometer gelaufen und habe ein halbes Fotoalbum mit Drohnenfotos. Zufrieden schlafe ich ein.





Tag 2 – Erste Etappe (24 km)
Ich wache bereits früh auf. Aus dem Zelt heraus habe ich eine unfassbar schöne Aussicht auf den See, der mich gleich motiviert, trotz Müdigkeit direkt zu einer großen Etappe aufzubrechen. Ich frühstücke hastig und laufe danach einige Kilometer am See entlang, bis ich bei einer kleinen Kaskade zum Furten gezwungen bin. Nach kurzer Zeit biege ich nach links in eine sehr hügelige Stein-Tümpel-Grasnabenlandschaft ein und durchsteige dafür eine sehr wackelige Holzhängebrücke. Beim Weiteraufstieg nimmt der Grasbewuchs ab, der Boden wird zunehmend steiniger. Ab und zu kann ich den Gletscher auf der nördlich gelegenen Bergflanke erkennen. Eigentlich will ich mit der Drohne ein paar Aufnahmen von dem Eismassiv machen, aber ich stelle schnell fest, dass mich der Hinweg mindestens drei Kilometer durch sehr hügeliges und vor allem unwegsames Gelände kosten würde. Daher genieße ich den Anblick aus der Ferne.
Irgendwann steht in der Wildnis ein einsames gelbes Blechschild, das die norwegisch-schwedische Grenze markiert. Auf dem schwedischen Teil steige ich in ein sich nach vorne öffnendes, weites Tal ab, wobei ich parallel zu einem türkisblauen, sehr kalten Gletscherfluss laufe – auf der Karte ist er als Lájrrojåhkå verzeichnet. Sein Wasser schmeckt ausgezeichnet. Und ich bin mal wieder völlig überwältigt von der Aussicht nach vorne und hinten. Beim Weitergehen lasse ich wieder die Drohne steigen und bemerke dabei in der Ferne einen sich langsam bewegenden, gut getarnten Punkt. Er stellt sich später als Rentier heraus, dem ein zweites folgt. Ich laufe weiter entlang des Flusses, wobei ich mehrere ausgetrocknete Flusszuläufe passiere. Dann bleibe ich plötzlich irritiert stehen: In der sandigen Bodenwelle vor mir liegt ein Rentier, bewegungslos. Ich bemerke, dass ihm anscheinend ein Bein fehlt – ist es vielleicht tot? In 15 Metern Entfernung räuspere ich mich leise, was das vermeintlich tote Tier zum Leben erweckt. Es ist genauso erstaunt wie ich, wir starren uns kurz an, dann läuft es im rentiertypischen Galopp den Hang hinauf. Ich dagegen setze mich im wandertypischen Laufschritt wieder in Bewegung und entdecke bald am Horizont ein weiteres Rentier, das perfekt auf der Horizontkante entlang läuft und sich damit als dunkle Silhouette vom Himmel abhebt. Ein genialer Anblick. Weiterhin werde ich von einem kleinen Vogel begleitet, der scharf rufend kurz vor mir her rennt und irgendwann in einem großen Bogen knapp über dem Boden davon fliegt.
Landschaftlich hat sich bereits einiges getan – ich stehe nun in einem Tal. Auf einer Seite eine flache, krautige Ebene, auf der anderen ein gigantischer See (Pieskehaure), noch größer als der Lomivatnet vom Vortag. Ich laufe gut drei Kilometer entlang des Pieskehaure, der mir wie ein einziger tieftürkiser Spiegel vorkommt aufgrund seiner komplett flachen Oberfläche, bis ich mich schweren Herzens abwende und zur Muorkihytta aufsteige. Ich bin der einzige dort. Mit dem letzten Rest Strom, den ich noch in den Drohnenbatterien habe, fotografiere ich ein paar atemberaubende Sonnenuntergangsaufnahmen, dann mache ich Abendessen und eine Katzenwäsche am Ufer. Und als ich in der Nacht nach Polarlichtern Ausschau halte, bin ich von der Menge der Sterne sehr überwältigt.







Tag 3 – Schlussetappe (22 km)
Am Morgen stehe ich bei bewölktem, windstillem Wetter auf. Der Weg führt mich nun einige Kilometer gegenüber des auf der anderen Uferseite gelegenen Hinwegs am Lomivatnet entlang, doch bevor ich an dessen Westende wieder ins Tal hinabsteige, wende ich mich nach links und steige eine Anhöhe an. Ich sehe, wie hoch eigentlich der Stortoppen ist, an dessen Fuß ich gestern entlang gelaufen bin. Hier oben ist es wieder sehr windig, und trotz des unangenehmen Wetters fühle ich mich wieder ein wenig ins Dovrefjell zurückversetzt. Hier geht es über blanken Fels, der nur durch sumpfiges Moos und kleine Tümpel unterbrochen wird. Ich steige an Wollgrasfeldern und rotem Heidelbeerkraut entlang in Senken und wieder aus ihnen heraus. Die Landschaft wechselt alle paar Meter von Sumpf zu Stein und dann zu Blumenwiese, bleibt in ihrer Wechselhaftigkeit aber über mehrere Kilometer konstant. Ein ganzes Stück bin ich nun im nördlichen Zipfel des Junkerdalen-Nationalparks unterwegs. Beim achtzehnten Kilometer beginnt der Abstieg, der angenehm über zugemooste Felsbrocken verläuft. Irgendwann bemerke ich entsetzt, dass der vermeintlich leichte Weg extrem gefährlich ist – ich bin auf ein Stück Moos getreten, das direkt über dem Spalt zwischen zwei Blöcken gewachsen ist. Es ist nichts passier, und ab jetzt nutze ich die Wanderstöcke, um die nächsten Schritte abzuchecken.
Nach diesem Geröllfeldabstieg beginnt der angenehme Weg durch ein kleines Birkenwäldchen. Hier und da tauchen Seen auf, ab und zu ein paar Felszinnen. Dieser Teil des Weges ist unkompliziert und schön, und ich bin schon gespannt, am Ziel anzukommen. Nur 50 Meter vor dem Campingplatz Sulitjelma stelle ich fest, dass der Weg offenbar eine Sackgasse war, denn ich stehe vor einem 15 Meter breiten Fluss, der aus den Überläufen eines Stausees kommt. Da ich nicht um den ganzen See herumlaufen will und der Wasserstand glücklicherweise nicht besonders hoch ist, ziehe ich Schuhe und Socken aus und wate hindurch. Und damit bin ich am Ziel meiner Sulitjelmatour.






Tourinformationen für Interessenten
Falls du jetzt auch Lust hast, diese oder eine ähnliche Wanderung zu unternehmen, habe ich hier möglichst kurz und knapp ein paar Hintergrundinformationen zu meiner Tour zusammengefasst (Begriffe alphabetisch sortiert). Die Tour kann als gpx-Track heruntergeladen werden (die Zahlenwerte stimmen in der Darstellung hier nicht; das Problem wird in Zukunft behoben. Das File selbst enthält die richtigen Größen).
Anfahrt: Um nach Sulitjelma zu gelangen, kann man die in Fauske startende Buslinie 481 nutzen, die dreimal täglich dorthin fährt. Dieselbe Buslinie fährt auch wieder nach Fauske zurück.
Drohne: Drohnefliegen ist hier erlaubt. Bitte dennoch selber nach den geltenden Regeln und Bestimmungen schauen.
Einsamkeit: Diese Wanderung war die einsamste Wanderung der vier Norwegenwanderungen 2023. Ich habe in drei Tagen nur eine einzige Person getroffen, aber einige Rentiere.
Mücken: Ich habe diese Wanderung Ende August durchgeführt und hatte keine Probleme mit Mücken. Vermutlich war es zu kalt. Im Frühsommer dürften die Plagegeister sicherlich häufiger und penetranter vorkommen.
Polarkreis: In diesen Breitengraden sind in manchen Jahren Polarlichter sichtbar. Ich hatte das Privileg, bereits Ende August welche zu sehen. Es ist auch auffällig, dass hier die Sonne nicht besonders tief untergeht und es nachts noch recht lange hell bleibt.
Schwierigkeit: Einfach bis mittel. Diese Tour ist auch als Einsteiger sehr gut machbar, da es kaum Steigungen gibt, sobald man einmal auf der Hochebene ist.
Unterkunft: In dem Gebiet befinden sich mehrere DNT-Hütten, in denen man mit dem entsprechenden Schlüssel übernachten kann. Ansonsten ist es möglich zu zelten. In Sulitjelma gibt es auch einen kleinen Zeltplatz “Campingen i Daja”, auf dem man auch Wäsche waschen kann.
Wasser und Verpflegung: Es fließen überall Rinnsale und Bäche, die teilweise sogar recht breit sind. Mit meiner Faustregel, nur aus fließenden, klaren Gewässern mit zumindest in den nächsten 100m sichtbarem Ursprung zu trinken, bin ich die gesamte Tour ohne Filter gut durchgekommen. Für besorgte Wanderer sind Wasserfilter oder Hygienetabletten aber auch nicht verkehrt. Verpflegung sollte man selber mitbringen (denk daran, auch den Müll wieder mitzunehmen).
Wegbeschaffenheit: Die Wanderwege sind auf norwegischer Seite ausgezeichnet markiert (rotes T). Ab der schwedischen Grenze hatte ich immer wieder Probleme, den auf der Karte eingezeichneten Weg zu finden, einfach weil es keinerlei Markierungen mehr gab und man durch wilde, weglose Vegetation stapft. Stabile, wasserdichte Schuhe sind hier definitiv ein Muss.
Wetter: Das Gebiet liegt auf einer Hochebene mit relativ geringer Distanz zum Meer. Dementsprechend sollte mit wechselhaftem Wetter gerechnet werden.
Anmerkungen
Die Tour kann natürlich beliebig verlängert werden. Direkt südlich schließt der Junkerdalen-Nationalpark an, in dem sich gut markierte Wanderwege und einige Hütten befinden. Nach Osten hin öffnet sich eine wirklich unberührte schwedische Wildnis – dort beginnt nach einigen weiteren Kilometern der Sarek- und Padjelanta-Nationalpark. Nach Norden hin kann man den Nordkalottleden wandern. Sulitjelma ist tatsächlich einer der beiden südlichen Endpunkte dieser Fernwanderstrecke, die sich durch Schweden bis hinauf nach Finnland zieht.
Weitere Berichte
- Dovrefjell – Das Hochland der Moschusochsen (55 Kilometer)
- Beisfjord – Von Seen und Gletschern (53 Kilometer)