Alltag in der Arktis
Alltag in der Arktis

Alltag in der Arktis

Nach langen Wochen poste ich mal wieder. Einige Beiträge liegen halb fertig in meinem Entwürfe-Ordner, aber dieser hier, der hat es endlich rausgeschafft. Der Anlass? Diese Woche gibt es im Supermarkt eine gigantische Auswahl exotischer Früchte! Und die Früchte sind wirklich sehr exotisch, jedenfalls habe ich den Großteil davon noch nie in meinem Leben gesehen (was zum Beispiel ist eine Jackfruit?). Dass das Angebot so riesig war, war sehr überraschend, und das wollte ich gerne teilen. Und dachte mir, dass ich ja dann gleich auch über den generellen Alltag schreiben kann, den ich hier erlebe. Immerhin wohne ich seit inzwischen fast drei vollen Monaten in der nördlichsten Siedlung der Welt.

Essen und Lebensmittel

Der erwähnte Lebensmittelladen, ein Coop namens “Svalbardbutikken” (Der Svalbard-Laden), ist der einzige in ganz Longyearbyen und liegt dankenswerterweise genau im Zentrum. Vom Wohnheim braucht man zu Fuß nur wenige Minuten. Überraschend war zunächst die gewaltige Auswahl, die vielleicht der eines gut sortierten Aldi entspricht: Es gibt fast alle Arten von Lebensmitteln, und entgegen allen Vorurteilen findet sich hier sogar gutes Brot. Die Preise liegen zwischen denen, die man aus Deutschland kennt (vor allem bei Fleisch, Tiefkühlware und haltbaren Lebensmitteln wie Nudeln und Reis) und deutlich darüber (Gemüse, alles was Zucker enthält – es gibt in Norwegen eine Zuckersteuer). Man kann zusätzlich zu Nahrungsmitteln auch Alltagsgegenstände wie Ladekabel, Batterien, Besteck und Küchenutensilien, Papier und Lernmaterialien und drei Arten von Zimmerpflanzen kaufen. Die Auswahl ist hier deutlich eingeschränkt, aber es ist alles da.
Alkohol kann man auch kaufen, frei verfügbar sind aber nur Dosenbier und manche Weine. Wer härtere Drinks haben möchte, muss entweder nachweisen, dass er auf Spitzbergen lebt oder einen Antrag bei der Polizei stellen, denn es gibt Restriktionen. So dürfen beispielsweise höchstens 2 Flaschen Spirituosen und eine halbe Flasche Likör pro Monat gekauft werden. Diese Regelung kommt noch aus Zeiten des Bergbaus, in der versucht wurde, den grassierenden Alkoholkonsum in den Griff zu bekommen. Daher waren auch Brauereien verboten, bis vor 15 Jahren das Gesetz geändert wurde und die nördlichste Brauerei der Welt 2015 ihren Betrieb begann. Dort dürfen auch Touristen Bier trinken, ebenso wie in den zahlreichen Bars und Restaurants, die verteilt über den ganzen Ort um Besucher werben. Eins davon, Huset, war vor einigen Jahren zu Norwegens bestem Restaurants gekürt worden und verlangt saftige Preise. Andere Lokale sind auch für Studenten bezahlbar und bieten eine schöne Gelegenheit, mal nicht kochen zu müssen.

Wohnen

Alle Studenten wohnen in einem erst 2021 eröffneten Studentenwohnheim. Die Anlage steht sehr zentral an der Hauptstraße und hat eigentlich alles, was man fürs alltägliche Leben brauchen kann: Einzelduschen in jedem Zimmer, Gemeinschaftsküchen mit guter Ausstattung (Tiefkühlschrank, Kühlschrank, Ofen, Induktionsherd, Mikrowelle und Flachbildfernseher für die Sitzecke), Waschräume, Lagerräume, Waffenschränke zum Lagern der Gewehre). Geheizt wird mit Fernwärme vom Kraftwerk, das bis vor wenigen Jahren mit der vor Ort abgebauten Kohle lief, inzwischen aber mit Diesel läuft. Es gibt auch fließendes Warmwasser… aber man sollte es nicht trinken. Vor etwa einem Monat wurde festgestellt, dass der Mangangehalt unseres Trinkwassers deutlich über dem Gesundsheitsgrenzwert liegt. Wir müssen daher jetzt gefiltertes Wasser aus der Uni oder dem Lebensmittelladen nach hause bringen.

Forschung und Lehre

Das Universitätszentrum hier heißt UNIS (University Centre in Svalbard). Es ist keine richtige Uni, sondern eher ein Forschungszentrum. Daher muss man auch an einer anderen Hochschule eingeschrieben sein, um hier sein zu dürfen, in meinem Fall ist das Karlsruhe. Das Gebäude liegt etwa 7 Gehminuten vom Wohnheim entfernt und ist sehr modern und, da es innen mit Holz ausgekleidet ist, sehr schick und gemütlich. Hier finden Vorlesungen statt, es gibt Computerräume, eine gut ausgestattete Bibliothek, Labore und außerdem eine große Kantine. Die werde ich nachher nochmal erwähnen. 🙂
Für meine Masterarbeit habe ich ein eigenes Office zur Verfügung gestellt bekommen, das ich mir mit einigen anderen Studenten teile.

Sport

Ich lasse mich mal zur unverifizierten Aussage hinreißen, dass Norweger in der Regel noch sportversessener sind als Deutsche. Entsprechend viele Angebote gibt es hier. Wir haben im Ort eine Schwimmhalle, ein kleines Fitnessstudio mit überraschend gutem Equipment, einen Kayakverein, einen Frisbeegolfplatz und alle paar Wochen besondere Laufevents des örtlichen Turnvereins. Vor einigen Wochen wurde ein Backyard Run organisiert, bei dem man zwölf Stunden lang pro Stunde 6,7 km laufen kann, insgesamt also 80,4 km. Außerdem gibt es Gruppenmarathons, Verkleidungsläufe, Challenges (10 Bergspitzen in 24 Stunden besteigen, was etwa 40 Kilometern entspricht). Und weil ich wegen der aktuellen Dunkelheit derzeit nicht soo viele Dinge draußen unternehmen kann, gehe ich seit drei Wochen ins Fitnessstudio, um wenigstens ein bisschen fit zu bleiben. Ansonsten wäre ich jedes Wochenende irgendwo draußen unterwegs, um Rentiere und großartige Ausblicke, Fossilien oder verlassene Bergbausiedlungen zu suchen.
Bis Ende November gibt es außerdem einen Tanzkurs. Den habe ich ins Leben gerufen, weil ich gerne einen Winterball veranstalten möchte und die meisten Skandinavier außer Swing keine Balltänze beherrschen. Wir treffen uns seit etwas über einem Monat wöchentlich in der Kantine und lernen Tanzschritte, damit der Ball richtig gut wird. Und erfreulicherweise gibt es einige Teilnehmer – wir haben Gruppengrößen von bis zu 35 Personen.

Was es sonst noch gibt

Wir haben eine Kirche, eine kleine Polizei- und Gouverneursstation (hier sind Exekutiv- und Legislativgewalt in einer Instanz vereint), zwei Kindergärten. eine Schule, eine Volkshochschule, einige Museen und eine Kunstgallerie. Außerdem gibt es eine Sauna im Hafen und einen Second-Hand-Laden, in dem man kostenlos Dinge bekommt, eine Post, ein Kino und eine Bibliothek und ein Krankenhaus, das nur mit dem nötigsten ausgestattet ist und das im Falle einer ernsteren Verletzung außer mitleidigen Blicken der Mitarbeiter und Schmerztabletten nicht wirklich viel Hilfe leisten kann. Was es hier nicht gibt? Einen Friedhof (sterben ist offiziell verboten – aber dazu gibt es bald einen eigenen Eintrag) und eine Bankniederlassung – was vor allem dann nervig wird, wenn man für die Einrichtung eines Bankkontos seine Personalien in leibhaftiger Form nachweisen muss und niemand da ist, der die Prüfung übernehmen kann.

Ich kann es selbst kaum glauben, aber so weit im Norden zu leben wird irgendwann zur Normalität. Ja, inzwischen ist die anfangs so drängende, rastlose Aufregung meines neuen, außergewöhnlichen und unwirklich scheinenden neuen Lebensmittelpunkts einem Gefühl der entspannten Ruhe gewichen. Ich weiß, wo ich was finde, und ich weiß auch, was ich noch unternehmen kann. Ich weiß, in welchen (vor allem sportlichen) Bereichen ich noch lernen will – und ich weiß, dass es trotz des alltäglichen Lebens ein Privileg ist, hier leben zu dürfen. Der Alltag ist alltäglich, und doch alles andere als normal.

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